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Es war zu spät

Als wir endlich sprechen lernten,
war es zu spät,
den Mund zu öffnen
und Worte zu gebären,
die in uns gewachsen waren.

Da war es zu spät,
die reifen Früchte zu pflücken
und mit dem Zucker
der Wahrheit zu bestreuen.
Stattdessen lagerten wir sie
in luftdicht verschlossenen Gläsern.

Es war zu spät,
das Gift auszustoßen,
das wir geschluckt hatten
anfangs in kleiner Dosis
und dann immer mehr.

Nun war es zu spät,
die Gräber zu öffnen,
die wir gegraben hatten
und Särge zu sprengen,
die wir vernagelt hatten.
Wir selbst haben eilig
die Wirklichkeit verscharrt,
als sie uns lästig wurde.

Auch war es zu spät,
die Lippen zu spitzen
zum Kuß der Ehrlichkeit,
unser Gegenüber zu umarmen,
damit es spüren kann,
was wir zu sagen
nicht mehr vermögen.

Und es war zu spät,
Tränen zu vergießen,
um mit Salz uns reinzuwaschen
und unserer Schuld zu entkommen.

Schließlich war es zu spät,
sich zur Wahrheit zu bekennen,
so sehr wir auch wollten,
denn die Zungen waren verschimmelt
und Fäulnis entstieg dem Mund.

Es war zu spät,
weil wir zu lange gezaudert hatten
und die Angst uns überzeugte,
doch lieber still zu sein.

# # #


Besessen

Still weinte das Kind
allein für sich,
still rauschte der Wind,
für wen weiß es nicht.

Laut lachte der Hohn
in ihm,
laut dröhnte der Kopf
von ihm.

Schnell drehte es sich um
und wollte vergessen,
schnell flogen die Gedanken,
das Kind war besessen.

# das ältest erhaltene #


Ihr geht.

Mit Schild und Lanze bewaffnet
zieht ihr aus,
lange habt ihr geschmiedet
euer Eisen,
in der Glut gelebt,
euch gestählt und hart gemacht.
Ihr geht dahin,
wo eure Waffen
endlich klingen werden,
wo Metall auf Metall
einen Sieg bringen wird.

Wir nährten uns
aus einem Kelch,
ein Bett aus Blättern,
wir teilten uns das Licht
und wuchsen mit derselben Blume auf,
doch jetzt beginnt der Pollenflug.
Ihr hängt euch in den Wind,
eure Hände töpfern die Welt,
eure Herzen hämmern mit der Zeit,
ihr meißelt euer Leben in Granit
und schmiedet ein Tor zur Zukunft,
ihr seid der Staub des nächsten Jahrtausends.

(Ich aber habe lange
im Meer gelebt,
und Wasser läßt kein Feuer zu,
wo ich wohne,
gibt es weder Amboß noch Hammer,
und deshalb bleibe ich zurück.)

# # #


Die Unbefangene

Ich schleife nichts mehr,
mein Handwerk ruht mit dem Hammer,
der keine Zeit mehr zertrümmert,
und aus verstreuten Splitterstunden
baue ich kein neues Heim.
Ich lasse alles liegen,
wohin es fällt, gehe weiter
ohne Spiegel, ohne Stern.

Wie denn
sollte ich die Zeit runden,
indem ich liegen bleibe im Traum
oder auf die substanzlose Schaukel
mich schwinge
und von Glockenschlag zu Glockenschlag
die Farben der Stunde verkünde?

Ich bin nicht um eine Mitte gerollt,
schnurrend im Kern,
verflechte mich nicht in Wahrheit.
Blind sehe ich besser,
taub höre ich besser,
wie ich zwischen den Worten
ins Schweigen falle.

Warum denn
sollte ich die Züge meines Wesens
auf polierte Gleise stellen,
Perlentage, schwarz und weiß,
auf eine lange Kette reihen?
Warum denn
sollte ich alle Muscheln aufbrechen
mit meiner eisernen Gedankenzange
und wie ein Krebs
den Rost auf meiner Haut bewachen?
Warum denn
sollte ich die Körner der rieselnden Zeit
in dem Trichter meiner Hände wiegen,
als hätten sie besonderes Gewicht?

Ich bin kein Sammler mehr,
aus keiner Truhe wird mein Leben flüstern,
Erinnerung bleibt unverstaut.
Verschwenderisch stille ich
meinen Durst mit Sekunden, unbefangen
stoße ich mit harten Spatenstichen
tief in mein Leben vor, lege meine Adern frei:
nackt
strömt mein Lachen lauter durch mein Blut,
und ich frage nicht länger
nach dem Datum der Geburt.

# # #


(Laute Stille)

(Schuldzuweiszung)

# # #


Meer

Meer. Wie machst du das?
Du ebbst dich ab
bis in mein gesprächigstes Schweigen,
niemals verstummen wir,
denn du bist Gesang
aus Flaute und Sturm,
und ich stimme ein, fliehe
in ozeanische Sonaten, tanze
auf deiner sprühenden Gischt.
Du machst mich zur Wasserorgel,
die deine Stimme zelebriert.

Meer. Wo braust du deine Farben?
Manchmal bist du Himmelsspiegel,
dann Algenwiese oder graues Land.
Du tauchst durchs Abendrot,
in den Dunst des Horizonts,
drehst deine langen Wellenarme
wie ein Tintenfisch um mich,
schiebst mir den Schaum der Krone
vor meinen alltäglichen Augenblick.
An dir lagert sich alle Zeit ab
wie Muscheln am Fels,
festgesaugt, gekettet an dich
verrinnen die Stunden
heimlich und perlend.

Meer. Wie geschieht mir,
wenn du dich plötzlich öffnest
für mein ursprünglichstes Sehnen?
Du benetzt mein Herz,
teilst Salz an meine Tränen aus
und schöpfst in deine Kelle
mein einziges Leben.

Meer. Was sollte ich ohne dich?
Du bist eine Spritze
aus betäubendem Element,
umspülst mich mit Ruhe,
ich schlafwandle in dir.
Ach, könnte ich Meereswesen sein,
mit einer silbernen Flosse
mich durch deine Tiefe graben
und auf deine krause Stirn
einen einzigen Kuß nur hauchen,
der dich überall berührt.

Meer. Bist du denn nie gesättigt?
Heißhungrig verschlingst du mich,
nagst an der Ebbe
mit Zähnen aus Flut,
preschst ungestüm
über meine Träume aus Sand,
schickst einen hellen Möwenschrei
nach meiner Liebe aus.
Du nimmst mich gefangen
in deiner Unterwasserwelt,
wo Urzeitraunen mich durchdringt,
und deine Beute, ich ganz und gar,
möchte es, will sinken
in die geöffnete Korallenhand.

Meer. Wem hast du dich versprochen?

# # #


Wiedersehen

Wir trafen uns wieder,
um die Zeit zu verleugnen
und das Echo einzuholen,
doch statt Wein
tranken wir Blut,
und die alten Kleider waren zu eng,
Fossilien aller Art
schmückten die Haut darunter,
aber wir gaben vor,
nicht gezeichnet zu sein.
Schließlich
hatten sich unsere Namen nicht geändert,
schließlich wußten wir noch,
wer wir waren,
doch abschließend wußten wir es nicht.
Wir waren überall gewesen
und hatten überall Tribut gezahlt,
viele Funken Wasser
und viele Tropfen Licht.
In einem Schrank aus Mahagoni
haben wir die Zeit verstaut,
um zu vergessen,
daß sie wirklich war,
und um zu vergessen,
wie bunt sie war,
rührten wir nicht länger
an diesem Farbtopf aus Licht.
Wir wollten die Zeit überlisten
und merkten nicht,
daß wir für immer verwachsen waren,
jeder mit seiner eigenen Uhr,
und spürten nicht,
wie wir dunkel wurden mit der Nacht.
Wir waren überall gewesen,
doch nie zugleich.

# # #


So viel

So viel Leben
habe ich gelassen,
weil ich dachte, ich wüßte,
hinter welchem Planeten
es geboren wurde,
nur um zu fallen,
zu stürzen
mit den Falken hernieder,
weil ich dachte,
der Schädel müßte
am grauen Fels der Erde
zerspringen
und als Maulwurf,
dachte ich weiter,
würde das gestrauchelte Leben
sich einen Tunnel graben.

Und die vielen Fröhlichkeiten,
die ich nur
als Echo höre,
weil ich sie nicht lachen wollte,
wo doch
so viel Angst
eingerahmt
an meinen Wänden hängt,
wo doch
so viel Erinnerung
an meine Traurigkeit
ich auf dem Acker
meiner Seele sähte,
jede Träne nun
eine Trauerweide als Denkmal hat.

Und so viel Luft,
die ich nicht geatmet habe,
um sie aufzuheben
unter meiner Matratze verstaut,
gespart
für später irgendwann,
wenn die Luft sich dünner macht
auf dem Felsen der Zeit.

Und all die Tode,
die ich wie Ringe
an meinen Fingern trage,
damit ich nie vergesse,
daß auch ich verlobt bin
mit dem Nichts,
damit ich mein Leben
nicht allzu sehr liebe
am Tage der Hochzeit.

So viele Stunden,
die ich im Schweigen
mich verstummend geübt habe,
bis die Stille
mein gesprächigster Freund war.

Und so viel Zeit
die ich schon
im Keller meines Herzens
lebendig begraben habe,
noch bevor sie da war,
weil ich dachte,
ich wüßte,
weil ich wußte,
sie würde nicht gut sein.

# # #


Im Namen der Pappel

Und alles erhielt einen Namen,
die Pappel
wurde Pappel genannt,
registriert als solche,
sollte sie benehmen sich
eben wie eine Pappel.

Dem Fisch
wurde das Schwimmen gelehrt,
die Blume sollte duften,
der Vogel fliegen,
so schafften wir Ordnung
für unsere Köpfe,
denen wir Wissen befahlen,
löffelweise
nüchternes Verstehen,
um mit Fakten
uns zu bekriegen
und um mit Namen
uns zu beschimpfen.

Doch was geschieht,
wenn die Pappel
es leid ist,
Pappel zu sein,
sie ihre Arme streckt
und sich als Tanne fühlt?
Wird sie
mit dem Gesang der Säge
bestraft?

Und was wird sein,
wenn ich mich weigere,
Mensch zu sein,
wenn nur Gefühl
mein Wissen ist,
ich den Fisch
als Welle erkenne,
aus dem Kelch der Blume
trinke,
den Vogel
Sternschnuppe nenne,
wenn ich sage,
daß ich eine Pappel bin?

# # #


Gefährten

Gefährten, was wir taten,
war richtig, alles,
was wir taten,
mußte getan werden
von uns, so und nicht anders.
Durch das All
sind Seile verteilt,
jeder hat einen Faden,
jeder eine Richtung nur.
Als damals die Traube
wartend über uns hing,
mußten wir ihre dunkle Seide,
die vornehme Robe
von ihr schälen und zerreißen,
da mußten wir uns spannen
wie angespitzte Pfeile
und ihren prallen Bauch durchbohren.
Aber die Rache der Traube
war ein gewaltiges Feuerwerk
aus roten Raketen und Fontänenblut,
sie sprengte, spaltete und verklebte uns.

Gefährten, leichtfüßige Wanderer,
wir sind zu schnell gegangen
oder zu früh aufgebrochen,
die Fahne lief uns weg.
Von einem Spaziergang
haben wir geschwärmt,
doch es war ein Trauermarsch.
Wir waren nackt,
eine Galerie
aus sterbenden Gesichtern,
aber wir waren nicht allein,
als wir uns verschworen
mit einer ungeborenen Zeit.
Und in uns lebten die Toten,
wir gehörten nicht uns selbst.

Gefährten, wir sind gelähmt,
alles ist noch zu heutig,
wir tun nichts mehr,
denn ohne Regenbogen,
der über uns sich beugt
und Verluste überbrückt,
erreichen wir das andere Ufer nicht.

Wir verdichten uns
und lassen klammheimlich
unsere Irrlichter, die Verblaßten,
wieder leuchten, auferstehen,
die wie flinke Illusionen
durch die leeren Stollen
unserer alten Träume tanzen.
Wir wollen nicht sagen,
was andere uns sagten,
wir wollen nicht glauben,
daß wir umsonst gefallen sind,
wir wollen unsere Toten,
nicht noch einmal töten.
Wir wollen unsere Schmetterlinge
wieder schwärmen lassen,
wollen wie eine Plage aus Insekten
unverwüstlich sein,
und unser nächster Aufbruch
soll kein neuer werden,
sondern nur der alte,
der sich gehäutet hat.

Gefährten, wir müssen,
was wir einmal taten,
wieder tun und wieder.

# # #


Verzeiht

Verzeiht,
ich wollte über die nächste Ernte sprechen,
grüne Zitronen in Gold eintauchen
und Handlinien lesen,
stattdessen rolle ich Garn auf eine Spule,
spanne abgelegte Jahre
über ein hölzernes Rad
und lasse es rückwärts laufen.
Ich entkerne den Herbst,
um eine reine Frucht zu züchten
und weise mit strengem Finger
auf die Splitter in eurer Haut.

Verzeiht,
ich versprach Unschuld zu erzählen,
aber führe euch
zu dem Nest des Vogels,
für den die Welt
nur aus Geräusch bestand,
der blind
im Nichtgesehenen ertrank.
Und obwohl ich sagte,
ich würde jetzt verstehen,
muß ich euch trotzdem fragen,
wohin die Schwalben flogen,
bevor es einen Süden gab,
und was dem Igel widerfuhr,
daß er sich Stacheln wachsen ließ.

Verzeiht,
ich wollte ein Lied mit euch singen,
doch habe weder Text noch Melodie,
meine Noten sind leer,
lautlose Explosion sprengt meinen Kopf
und unbekannte Worte
formt mein gefügiger Mund.

# # #


Lebende

Verfolgte, flüsterte dir irgendeine Nacht
eingerollt im Traum
ein Schweigen zu,
daß du fortan singen mußtest
mit der Stimme eines jeden Baums?
Oder sahst du in des Blitzes Rachen
geborstene Schilde ruhen und Wappen,
verblichene Knochen einer stolzen Zeit?

Getriebene, der Zange Biß entflohen,
durchdrungen von Gift
ist dein Rücken dennoch Säule,
und du drehst dich um dich,
lachst dem Skelett ins Angesicht,
trinkst aus des Schädels Höhle Sekt,
das Dunkel rötet sich vor Scham.

Hoffende, es ist mehr als eine Flaute,
die den Kiel gefangen hält,
und wenn meine Arme schlangengleich
um deine grüne Hoffnung gleiten,
dann tue ich es der Tücke zuliebe,
die allein dein Morgen nährt,
dann werfe ich diesen Anker
wie eine erstickende Lüge in dein Meer.

Mutige, wo ich verstumme,
wo meine Blicke längst begraben sind,
da eilen deine Füße trommelnd
den Jahren voraus.
Dieser Sommer jedoch ist hungrig,
er bläht sich wie ein Leichentuch
im schweren Atem auf,
gelb sind allein die Löwen
und hinab rinnt die Zeit
in ein zerbrochenes Gefäß.
Und stündlich gebären die Spinnen
wachsende Steine im Fleisch,
dein Körper ist eine Sonde
übernatürlichen fiebrigen Lichts,
doch auch gefesselt an dein Heute
lebst du schneller noch als ich.

Liebende, rot ist dir nicht Blut,
Salz nicht Träne,
und wenn es einen gibt,
der in die volle Wabe beißt,
Honig sammelt statt Kalender,
dann sind da deine Hüften
schwingend in der Gärten Mitte.

Ahnungsvolle, hörtest du das Echo
von dem, was wir nicht sagten,
wie einen verklingenden Glockenschlag?
Spürtest du zwischen unseren Wänden
die Verzweiflung wie Draht gespannt
und das Beben von geballten Fäusten,
all meine wilden Schläge ins Unverstehen?
Denn wie
kann in des Blutes Strom verglimmen,
was gar kein Feuer braucht,
um brennend lichterloh
des Lebens Pulsschlag zu entfesseln?

# to elle #


Alt sind wir geworden

Alt sind wir geworden,
die Stunden sinken
mit den Sternen
bei der ersten Flut des Tages
ins Nichts.

Alt sind wir geworden,
eine Axt
spaltet Holz,
fügt Kerben uns zu,
Narben
und grinsende Wunden,
der Taktstock des Wetters
peitscht unseren Rücken,
verletzt die Rinde,
wir bluten Harz.

Alt sind wir geworden,
der Mühle
sind die Flügel gestutzt,
und der Wind
steht still,
luftarme Luft gärt träge
zwischen Ohren,
Brennesseln haben uns
taub gemacht.

Alt sind wir geworden
in dem Tempel der Geschichte,
wo Vergangenheit
ein heiliger Götze ist,
aufgebahrt und angebetet,
mit dem Schleier des Staubes
bedeckt.

Alt sind wir geworden
mit den Bäumen im Herbst,
es entlauben
sich unsere Träume,
das nackte Gerippe
entblößt die Einsamkeit,
unsere Arme liegen brach,
in der Bewegung erstarrt.

Alt sind wir geworden
auf unserer Wanderschaft,
die Spuren sind verweht,
zertretenes Gras
ist wieder aufgestanden,
unsere Schuhe
sind im Moor versunken,
die Straßen asphaltiert
und unsere Lagerstätten
unter Asche begraben.

Alt sind wir geworden,
aber Bärte
sind uns nicht gewachsen,
die versprochene Weisheit
läßt auf sich warten.

# # #


Verkauft

Du verkaufst dein Lächeln,
dein Regenbogenlächeln,
Kirsche,
deine mohnrote Kirsche
für Perlen,
für kleine Sonnen
aus dem Schoß der Welt
geraubt.
Du zählst
deine kalte Beute,
zählst
Tropfen und Ströme,
die aus dem Brunnen
deiner Augen quellen,
überblickst
dein Tagewerk der Nacht.

Weißt du nicht,
daß der goldgelbe Honig
im Saft der Kirsche
ertrinkt,
sich in der farbigen Illusion
am Himmel verirrt,
zwischen Mohnblütenblättern
erstickt?

Du verkaufst deine Haut,
verschneite
Berge und Täler,
Höhlen vom Feuer erwärmt,
den Boden deiner Erde,
Panzer,
deinen atmenden Panzer
an Hände.
Während
dein Schnee schmilzt,
Lawinen
dein Herz verschütten,
addierst du
himmelblaue Veilchen,
errechnest
den Preis der Berührung.

Weißt du nicht,
daß der klebrige Honig
vom kristallklaren Schnee
geblendet wird,
vom Panzer des Käfers
fließt,
die Erde sich öffnet
und ihren Honig selber trinkt?

# ein sehr frühes... #


Abschied ohne Wiederkehr

Es ist, als habe der Abend
mich in eine Kastanie versenkt,
als säße ich unter einer Glocke
aus bittersüßem Zuckerguß,
als wäre alles gestorben,
was jetzt nicht um mich ist.

Bald beugt sich die Nacht
wie eine dunkle Mutter über mich,
die mein Klagen mit Stille bedeckt.
In einen Fluß aus schwarzer Tinte
wird sie meine hohlen Hände tauchen,
mich unempfindlich machen gegen mich.

Und auf den Flügeln der Morgenröte
zieht ein neuer Tag in meine Leere ein,
doch dieser Tag ist nicht nur Tag,
sondern ein Erbe der Nacht,
das durch mich gewachsen ist,
das in mir weiterlebt.

Ich verschlief der Lerche Ruf,
und es entflog mir der Morgen,
jeder Morgen, alle Zeit.
Sogar die Träume hatten Falten zuletzt,
denn kurz währt die Hoffnung
und lang das Gesicht des Erwachens.

Die Augen des Tages sehen nichts,
schließen sich
vor den Toren der Endgültigkeit,
aber der Blick kehrt verwundet zurück
in die Schmiede des Anbeginns,
wo die Füße gemeißelt worden sind.

Mein Herz ist in der Sonne verblichen,
ich überlasse es den Gräbern der Zeit,
schenke mir Vergessenheiten,
Einsamkeiten, die zerlöchert sind,
denn ein Abschied ohne Wiederkehr
geht stets auf Sohlen der Erinnerung.

# to the elster #


Morgen

Morgen ist es soweit.

Morgen ist der Tag,
an dem wir ehrlich sind,
mit dem wir durchsichtbar werden.
Pfeilschnell und messerscharf
wird dieser Tag zischen,
und im lauten Donnergrollen
werden unsere Worte untergehen.
Wir werden mit dem Morgen
unsere Hüte lüften
und bis zum Abend
mehr geredet haben
als geatmet.

Morgen ist alles anders.

Morgen lege ich meine Fragen
auf ein Katapult
und schleudere sie
durch das Niemandsland der Zeit.
Ausgestattet nur mit einem Sieb
werde ich Momente
voneinander trennen,
alles in Trümmer legen,
was ich im Großen nicht verstehe.
Aber ihr werdet, ich ahne es,
wie immer Propheten sein,
ihr lest die Linien meiner Hand.

Morgen werden meine Fäuste
nicht aufzubrechen sein.

Morgen ist alles,
da zeige ich nach Süden,
wo ihr nach Norden wollt,
und ihr werdet mir sagen,
wie viele Schritte mein Blick zählt,
der schon einmal zerbrochen ist,
der eben erst getrocknet ist.
Ihr werdet alles verkünden,
was ich gar nicht hören will
und macht euer Echo unsterblich,
das wie ein Flüstern
dann in mir widerhallt.

Morgen werde ich lachen,
weil ich so traurig bin.

Morgen springe ich
aus meinem Fensterrahmen
und werde mich
an euch verletzen,
weil ihr die Drähte seid,
die mich umgrenzen.
Morgen werde ich einfach
Zuversicht verspritzen,
auch wenn ich mutlos bin.
Über mich werdet ihr stolpern,
weil ich Wurzeln schlage,
wo ihr nur toten Boden seht.

Morgen schließe ich mit dem Tag
meinen eigenen Friedensvertrag.

# the day before big brother told... #


Endlich Frühling

Hier bin ich wieder,
endlich,
mein Kopf durchbricht die Erde,
ich wachse
über Kellergedanken hinaus.
Endlich wieder
im Grün, im Gelb, im Rot,
und meine Angst
entknotet sich im Licht.
Der Winter ist gestorben,
nicht ich,
seine Eiszapfenfinger
umfassen nicht länger mein Genick.
Ich bin am Bach,
am Fluß der Jahreszeiten
und bestaune Kieselsteine,
die heute Diamanten sind,
und gänseblümchenweiß
sind die Schneeflocken
der kommenden Zeit.

# niedlich irgendwie #


3 x 3 Meter

Willkommen in dieser Kammer, 3 x 3 Meter,
hier spucke ich heute Drachen aus
(keilende Monster, die schon zu lange
mein drittes Auge dunkel verschatten),
Galliggrüne und Schleimgelbe sollen
rülpsend, furzend, sich verätzend
zwischen diesen Wänden, 3 x 3 Meter,
ihren letzten Kampf bestehen.
Denn zwischen Sieg und Niederlage,
sehr verehrtes Publikum, grün oder gelb,
gibt es in der Arena heute nichts:
Eine Gattung wird ausgerottet sein
danach, die andere überlebt.

Die Zeit des Schwerterschluckens, Herrschaften,
ist für mich damit vorbei:
Heraus mit der Klinge aus dem Rachen!
Und mein tölpisches Gestolpere
mit kreidebleichem Clownsgesicht,
dieses tränen und lachen zugleich - vorbei!
Weg mit den zu großen Schuhen!
Darunter liegt die Wirklichkeit,
und auf diesem spröden Sägemehl,
3 x 3 Meter über den Boden verteilt,
wird sie sich heute offenbaren:
Die Drachen kreisen hier bereits!

Doch erwarten Sie keine Wunder,
Magie ist vom Programm gestrichen,
und Seifenblasenillusionen laße ich nicht zu,
denn -mit Verlaub- hier geht es um mein Leben!
Alle Trapeze sind schon abmontiert:
Denn auch heikle Luftsprungakrobatik
wird es unter diesem Zeltsterndach,
ohne festen Boden an den Sohlen
fortan einfach nicht mehr geben.

Dompteure, schwingt die Peitschen!
Die Bestien sind schon hinterm Feuerreif,
die Farben, gestatten Sie, gelb und grün,
Schleim und Galle verkeilen sich,
und der Käfig -3 x 3 Meter- er bricht!

# sverige 2000 #


Ordnungshalber

Prosten wir auf die Vernunft,
die uns zu unserem Wohle sagte,
daß Wagemut zu wagemütig sei,
zu fern von aller Wirklichkeit.

Mit Vernunft schrubbe ich mir
den Schädel seither von innen
und fege den Goldstaub hinaus,
puste die Sonne vom Fensterbrett
und schließe die Tür hinter mir,
atme die Stunden
von vorne nach hinten
und niemals umgekehrt.

Ich bitte Euch also:
Ein Prost auf die Ordnung
und den geregelten Schienenverkehr!
Wohl bekomme uns der Wein,
den wir in Maßen genießen,
und die Träne im Augenwinkel,
die wir vermeiden zu vergießen.

Es lebe die rechte Entscheidung,
der König und die Königin,
die sich der Etikette unterwerfen
zu lächeln, wenn sie traurig sind.

Bedachtsam haben wir uns beide
in ein fischbeinernes Korsett geschnürt,
uns wohlgesittet und ganz leise
alles Fühlen bis zuletzt verwehrt,
weil hierzulande der Verstand regiert.

Ein Hoch auf den Durchschnitt,
das wohltemperierte Klavier
und all die streng gereihten Noten,
die fest auf ihrer Leiter hocken.

Auch auf die Schuhgröße, die ich habe,
ein Hoch, weil sie der Norm entspricht,
und herzlichen Dank an jeden Zeh,
der selbst auf engstem Raum nicht bricht.

Zum Wohle, preußische Gehorsamkeit,
wir waren uns unserer Pflicht bewußt
und trennten schnell mit einem Hieb,
was uns so teuer war und lieb.

Wohl bekomme uns der Wermutstropfen,
der bitter auf der Zunge liegt,
wenn unsere Gläser bis zur Neige
genau wie unser Leben sich ergießt.

# efter sverige #

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